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Sicherheit ohne Frieden?

Warum die Münchner Sicherheitskonferenz das falsche Sicherheitsverständnis fördert

Jedes Jahr im Februar trifft sich in München, was in der internationalen Sicherheits­politik Rang und Namen hat: Staats- und Regierungschefs, Militärs, NATO-Vertreter, Thinktanks, Rüstungsunternehmen. Die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) bezeichnet sich selbst als globales Dialogforum für Sicherheit.

Doch genau hier beginnt das Problem: Welche Sicherheit ist gemeint – und für wen?

Sicherheit wird fast immer militärisch gedacht

Ein Blick auf die Agenda der MSC zeigt ein klares Muster:
Im Zentrum stehen Abschreckung, Verteidigungsfähigkeit, Bündnistreue, Aufrüstung, geopolitische Machtverschiebungen.

Natürlich sind Staaten realen Bedrohungen ausgesetzt. Aber: Sicherheit wird auf militärische Stärke reduziert.

Was dabei systematisch in den Hintergrund rückt:

  • zivile Konfliktprävention
  • Diplomatie jenseits von Machtblöcken
  • soziale und wirtschaftliche Ursachen von Konflikten
  • Klimawandel als Sicherheitsrisiko
  • humanitäre Folgen von Kriegen

Frieden erscheint oft nur als Fernziel – nicht als aktive politische Strategie.

Nähe zur Rüstungsindustrie ist kein Zufall, sondern Struktur

Die MSC wird nicht nur von Regierungen geprägt, sondern auch von:

  • Rüstungs- und Sicherheitsunternehmen
  • militärnahen Thinktanks
  • Akteuren, deren Geschäftsmodell auf Bedrohungsszenarien beruht

Diese Akteure sind:

  • Sponsoren
  • Panel-Teilnehmer
  • Gesprächspartner auf Augenhöhe

Das ist kein Geheimnis – aber politisch hochproblematisch.

Denn wer finanziell von Aufrüstung profitiert, hat kein strukturelles Interesse an Abrüstung.
Trotzdem prägen genau diese Akteure den Sicherheitsdiskurs.

Oder anders gesagt: Frieden hat keine starke Lobby. Waffen schon.

Elitenforum ohne demokratische Kontrolle

Die MSC trifft keine formalen Entscheidungen.
Aber sie setzt Narrative, Prioritäten und politische Leitlinien.

Problematisch ist dabei:

  • Die Konferenz ist nicht demokratisch legitimiert
  • Parlamente, Gewerkschaften, Friedensforschung und Zivilgesellschaft sind marginal vertreten
  • Viele Gespräche finden informell und „off the record“ statt

Politik wird hier vorbereitet, nicht beschlossen –
aber ohne öffentliche Rechenschaft.

Gerade für regierungskritische Menschen ist das ein zentraler Punkt:
Macht verschiebt sich in exklusive Räume, während demokratische Kontrolle abnimmt.

Global – aber aus westlicher Perspektive

Die MSC nennt sich international.
In der Praxis dominiert jedoch eine transatlantische Sichtweise:

  • NATO-Staaten setzen den Ton
  • Länder des Globalen Südens erscheinen oft als Krisenregionen, nicht als Gestalter
  • Sicherheitsinteressen außerhalb westlicher Bündnislogiken bleiben randständig

Viele Staaten erleben Sicherheit nicht primär militärisch, sondern als:

  • Ernährungssicherheit
  • Schuldenkrise
  • Klimafolgen
  • wirtschaftliche Abhängigkeit

Diese Perspektiven spielen auf der MSC eine Nebenrolle –
obwohl sie über Krieg oder Frieden entscheiden.

Abschreckung statt Friedenslogik

Ein zentrales Dogma der Konferenz lautet:
Abschreckung sichert den Frieden.

Doch die Fakten zeigen:

  • Aufrüstung erzeugt Gegenaufrüstung
  • Sicherheitsdilemmata verschärfen sich
  • Eskalationsrisiken steigen

Gleichzeitig werden diplomatische Lösungen oft als „naiv“ oder „realitätsfern“ abgetan –
selbst dann, wenn militärische Strategien offensichtlich scheitern.

Das Ergebnis:
Krieg wird als normaler Zustand akzeptiert.
Frieden als Ausnahme.

Was fehlt: Frieden als politisches Leitprinzip

Ein friedenspolitischer Ansatz würde anders fragen:

  • Wie entstehen Konflikte sozial, wirtschaftlich, historisch?
  • Wie lassen sich Machtungleichgewichte abbauen?
  • Wie kann Abrüstung verifiziert und durchgesetzt werden?
  • Wie stärkt man zivile Konfliktbearbeitung langfristig?

Solche Fragen kommen vor –
aber nicht dort, wo die eigentliche Aufmerksamkeit liegt.

Frieden ist auf der MSC kein strukturierendes Prinzip, sondern ein rhetorisches Beiwort.

Kurz gesagt: Sicherheit ohne Frieden ist keine Sicherheit

Die Kritik an der Münchner Sicherheitskonferenz ist keine Verschwörungstheorie.
Sie ist eine politische, strukturelle und demokratische Kritik.

Wer Sicherheit fast ausschließlich militärisch denkt,

  • legitimiert Daueraufrüstung
  • normalisiert Kriege
  • entzieht friedlichen Alternativen die Ressourcen

Eine echte Sicherheitsdebatte müsste Frieden ins Zentrum stellen –
nicht als moralische Fußnote, sondern als strategisches Ziel.

Solange das nicht geschieht,
bleibt die Münchner Sicherheitskonferenz vor allem eines:

Ein Ort, an dem über Sicherheit gesprochen wird –
ohne Frieden ernsthaft zu verfolgen.

Quellen

  • Munich Security Conference: Munich Security Report – Munich Security Conference – jährlich (letzte Ausgaben 2023–2025)
  • Munich Security Conference: Programme, Reden und Panelübersichten – Munich Security Conference – laufend aktualisiert
  • Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI): Trends in World Military Expenditure – SIPRI – jährlich
  • Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC): Global Militarisation Index – BICC – jährlich
  • Peace Research Institute Oslo (PRIO): Armed Conflict Dataset & Analyses – PRIO – laufend / jährlich aktualisiert
  • United Nations Development Programme (UNDP): Human Development Report – UNDP – jährlich
  • United Nations, Secretary-General: A New Agenda for Peace – Vereinte Nationen – 2023
  • UN Office for Disarmament Affairs (UNODA): Disarmament, Arms Control and Non-Proliferation – Vereinte Nationen – laufend
  • Transparency International: Corruption and Lobbying in the Defence Sector – Transparency International – verschiedene Berichte, laufend

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