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Ein Widerstand, wie er den Regierenden gefällt

Diese Zeilen richten sich nicht an „die da oben“. Sie richten sich an euch. An die Sympathisanten. Die Zaudernden. Die Enttäuschten. Die politisch Heimatlosen. An all jene, die sagen: „So kann es nicht weitergehen“ – und dann weitermachen wie bisher.

Ich muss diese Frage stellen, öffentlich und ohne Umschweife:

Was hält euch eigentlich zurück?

Der alltägliche Widerstand, der nirgendwo ankommt

Wenn ich euch im Alltag begegne, ist der Frust greifbar. Man hört ihn überall:

  • „Alles wird teurer.“
  • „Ich weiß nicht, wie lange ich meine Miete noch zahlen kann.“
  • „Ich habe Angst vor einer Eskalation des Krieges.“
  • „Ich fühle mich von niemandem vertreten.“

Diese Sorgen sind real. Niemand hier stellt sie infrage. Und dann sagen wir:

Komm mit auf die Straße. Einmal im Monat. Öffentlich. Sichtbar. Gemeinsam.

Die Antwort ist oft dieselbe: „Ja nee … ihr seid ja so wenige.“

Ein Widerstand, der wartet, bis er groß ist, bleibt klein

Genau deshalb sind wir so wenige. Wer fernbleibt, weil es wenige sind, sorgt aktiv dafür, dass es wenige bleiben.
Wer sagt: „Ich komme erst, wenn es sich lohnt“, entscheidet sich dafür, dass es sich nicht lohnt.

Das ist kein moralischer Vorwurf. Es ist eine nüchterne Beschreibung eines Mechanismus.

Und dieser Mechanismus ist der bequemste Zustand für jede Regierung:

  • Unzufriedenheit ohne Öffentlichkeit.
  • Wut ohne Gesicht.
  • Angst ohne kollektive Form.

Ein Widerstand, der nur am Küchentisch und auf dem Sofa stattfindet, stört niemanden.

„Ihr habt leicht reden.“ – Nein. Haben wir nicht.

Vielleicht ist das der eigentliche Gedanke, der euch zurückhält. Nicht die geringe Zahl, sondern dieser Satz:

„Ihr habt leicht reden. Ihr wisst nicht, was ich zu verlieren habe.“

Doch. Wir wissen es.

Viele von uns kennen diese Sorgen sehr genau: die Angst vor Stigmatisierung, die Sorge um den Job,
die Unsicherheit, öffentlich falsch eingeordnet zu werden, die Frage, ob man sich zeigt – und am Ende allein dasteht.

Niemand hier tut so, als wäre das bedeutungslos. Niemand behauptet, es sei risikofrei.

Diese Angst ist verständlich und sie ist kein persönliches Versagen.

Warum viele trotzdem nicht kommen

Seien wir ehrlich: Es geht selten um Zahlen. Es geht um Angst.

  • Angst, sich zu exponieren.
  • Angst, nichts zu bewirken.
  • Angst, sichtbar zu werden – ohne Kontrolle über die Folgen.

Das Problem beginnt dort, wo Angst in Stillstand kippt. Wo Resignation sich als Realismus tarnt. Wo Bequemlichkeit „Vernunft“ heißt. Wo Zynismus zur letzten Schutzmauer vor der Hoffnung wird.

Warum die Straße mehr ist als ein Symbol

Auf die Straße zu gehen heißt nicht, sofort zu gewinnen. Es heißt, die eigene Ohnmacht zu unterbrechen. Widerstand beginnt nicht bei Tausenden. Er beginnt dort, wo Menschen trotz Unsicherheit sichtbar werden.

Keine Bewegung war am Anfang groß.
Aber jede, die etwas verändert hat, war am Anfang da.

Verantwortung ohne Schuld

Niemand ist schuld an seiner Angst. Aber jeder trägt Verantwortung für sein Handeln – oder sein Nichthandeln.

  • Wenn du sagst, du seist systemkritisch, dann ist Unsichtbarkeit keine Haltung.
  • Wenn du sagst, du fühlst dich politisch heimatlos, dann entsteht Heimat nicht durch Rückzug.
  • Wenn du sagst, du bist unzufrieden, dann reicht Zustimmung im Stillen nicht aus.

Ein Widerstand, der niemanden stört, ist keiner.
Ein Widerstand, der erst kommt, wenn er risikofrei ist, kommt zu spät.

Die eigentliche Frage

Die eigentliche Frage ist nicht: „Sind das schon genug?“
Sondern: Was geschieht mit der Bewegung, wenn ich fehle?

Was wäre möglich, wenn jeder, der zweifelt, trotzdem kommt?
Wenn aus vereinzeltem Frust kollektive Präsenz wird?
Wenn aus Angst vor Nutzlosigkeit die Erfahrung von Wirksamkeit entsteht?

Wir Kieler Gelbwesten sind überparteilich. Wir sind basisdemokratisch. Wir sind unbequem. Und wir warten nicht darauf, dass es sich „lohnt“.

Bringe deine Zweifel mit. Bringe deine Wut mit. Bringe deine Angst mit.

Aber bleib nicht zu Hause.

Wir treffen uns an jedem ersten Samstag im Monat um 15 Uhr auf dem Exerzierplatz in Kiel, ziehen gemeinsam durch die Innenstadt und schließen mit einer Kundgebung.

Wenn ihr zuhause bleibt, bleiben wir genau das, was den Regierenden am liebsten ist: vereinzelte, unsichtbare Unzufriedene.

Das musste ich mal sagen. Es lag mir auf der Seele.

Eure Birgit

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