BEITRAG von Kieler Gelbweste Birgit
Kiel lebt vom Meer. Von Hafen, Werften und maritimer Industrie. Und Kiel lebt zunehmend auch von einer Branche, über die selten grundsätzlich gesprochen wird: der Rüstungsindustrie.
Besonders deutlich wird das bei thyssenkrupp Marine Systems (TKMS). Das Unternehmen beschäftigt inzwischen rund 3.700 Menschen am Kieler Standort. Die Auftragsbücher sind voll: Der Auftragsbestand liegt bei rund 20,6 Milliarden Euro. Im Juli 2026 kam mit dem kanadischen U-Boot-Projekt der bislang größte Einzelauftrag der Unternehmensgeschichte hinzu. Das sind Zahlen und Fakten, die jeder selbst googeln kann.
Für die Beschäftigten sind das zunächst gute Nachrichten. Sichere Arbeitsplätze, Investitionen, Ausbildung und regionale Wertschöpfung.
Doch eine andere Frage wird selten gestellt:
Was bedeutet es für Kiel, wenn wirtschaftlicher Wohlstand zunehmend davon abhängt, dass weltweit mehr Waffen und Kriegsschiffe bestellt werden?
Die Diskussion über Rüstung wird häufig auf eine einfache Formel reduziert:
Rüstung schafft Arbeitsplätze.
Das stimmt. Und genau deshalb ist die Diskussion so schwierig. Denn man kann einem Menschen, dessen Einkommen von seinem Arbeitsplatz abhängt, nicht einfach sagen: „Wir brauchen weniger Rüstung.“
Man muss dann auch die zweite Frage beantworten:
Was wird aus seinem Arbeitsplatz?
Gerade in Kiel ist diese Frage relevant. Die Wehrtechnik ist längst ein bedeutender Bestandteil der regionalen Industrie. Ältere Untersuchungen des Landes Schleswig-Holstein kamen bereits auf mehrere Tausend direkte Wehrtechnik-Arbeitsplätze in Kiel und zusätzlich auf erhebliche indirekte und induzierte Beschäftigungseffekte.
Überträgt man die historischen Beschäftigungsmultiplikatoren vorsichtig auf die heutigen Zahlen, könnte die gesamte Zahl der direkt oder indirekt von der Wehrtechnik abhängigen Arbeitsplätze in Kiel durchaus im fünfstelligen Bereich liegen.
Das ist keine aktuelle amtliche Statistik und sollte auch nicht als solche verkauft werden. Aber die Größenordnung macht eines deutlich:
Rüstung ist in Kiel längst nicht nur eine Frage der Außen- und Sicherheitspolitik. Sie ist eine Frage der regionalen Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik.
Und damit sind wir bei einem Widerspruch
Deutschland rüstet auf. Die Bundesregierung begründet die massive Steigerung der Verteidigungsausgaben mit der veränderten Sicherheitslage in Europa und dem Ziel, Deutschland und Europa verteidigungsfähiger zu machen.
Die Rüstungsindustrie boomt. Und Kiel profitiert davon. Aber kann wirtschaftliche Sicherheit wirklich dauerhaft davon abhängen, dass die Welt unsicherer wird? Das ist keine moralische Frage. Es ist eine strukturelle. Denn wenn Rüstungsaufträge Arbeitsplätze sichern, entsteht ein wirtschaftliches Interesse an diesen Aufträgen. Je größer dieses Interesse wird, desto schwieriger wird es, über Abrüstung und Entmilitarisierung zu sprechen.
Und damit sind wir bei der Gewerkschaftspolitik.
Wenn Frieden und Arbeitsplätze in Konflikt geraten
Gewerkschaften haben einen guten Grund, Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie zu verteidigen. Schließlich ist es ja ihre Aufgabe, die Interessen der Beschäftigten zu vertreten.
Demgegenüber betonen ver.di und der DGB aber auch regelmäßig ihre friedenspolitische Tradition. „Nie wieder Krieg“ gehört zum Selbstverständnis der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Gleichzeitig unterstützen Gewerkschaften die Stärkung der deutschen und europäischen Verteidigungsfähigkeit und die Unterstützung der Ukraine.
Das ist kein einfacher Widerspruch. Es ist vielmehr ein Spannungsfeld: Frieden. Beschäftigung. Industrielle Stärke. Alle drei Ziele sind legitim.
Aber was passiert, wenn Arbeitsplätze zunehmend von militärischen Aufträgen abhängen – und damit von einer Politik, die auf mehr Rüstung setzt?
Dann braucht es mehr als nur Friedensappelle. Dann braucht es eine Antwort auf die Frage:
Wie können gute industrielle Arbeitsplätze gesichert werden, ohne dass ihre Zukunft von einer dauerhaften Aufrüstung abhängt?
Die Antwort darauf könnte heißen: Rüstungskonversion
Die Chance zur Konversion
Kiel wäre dafür geradezu ein Modellstandort. Nehmen wir TKMS als Beispiel. Heute verfügt der Kieler Standort über hochqualifizierte Beschäftigte, moderne industrielle Anlagen, jahrzehntelang gewachsenes Know-how und eine enorme technologische Kompetenz. Genau deshalb sollte man Konversion nicht erst dann diskutieren, wenn die Auftragsbücher leer sind und plötzlich Tausende Beschäftigte vor einer Werftschließung stehen.
Warum nicht jetzt darüber nachdenken, wie ein Teil dieser industriellen Kompetenz künftig für zivile maritime Technologien genutzt werden könnte?
Die Möglichkeiten wären vielfältig: von Forschungsschiffen und Spezialschiffen für die Offshore-Industrie über Rettungs- und Versorgungsschiffe bis hin zu maritimer Energie-, Wasserstoff- und Infrastrukturtechnik.
Natürlich wäre eine solche Konversion kein Selbstläufer. Der internationale zivile Schiffbau ist hart umkämpft. Es müsste um hochwertige Spezialprodukte und Zukunftstechnologien gehen. Und es müsste langfristig geplant werden.
Aber genau das ist der Punkt:
Konversion beginnt nicht mit der Frage, wie viele Arbeitsplätze man im Krisenfall noch retten kann. Sie beginnt mit der Frage, welche industrielle Zukunft man heute gestalten will.
Eine verantwortungsvolle Gewerkschaftspolitik müsste nicht warten, bis die Krise da ist. Sie könnte die Transformation selbst gestalten.
Und dann ist da noch das Pulverfass
Kiel ist nicht nur wirtschaftlich mit der Rüstungsindustrie verbunden. In Kiel wird militärisches Gerät produziert. Und militärische Produktionsstätten, Werften, Häfen und Logistikinfrastruktur können im Krieg strategische Bedeutung bekommen.
Es stellt sich eine Frage, über die man zumindest nachdenken sollte:
Macht uns die Konzentration militärisch relevanter Produktion sicherer – oder macht sie bestimmte Orte im Ernstfall auch verwundbarer?
Kiel hat diese Erfahrung bereits gemacht. Unter anderem wegen seiner Bedeutung als Reichskriegshafen, Marinestandort und Rüstungszentrum wurde die Stadt im Zweiten Weltkrieg massiv bombardiert. Große Teile der Stadt wurden zerstört, Tausende Menschen kamen ums Leben.
Und genau deshalb sollte Kiel vielleicht besonders sorgfältig darüber nachdenken, welche Rolle es in einer zunehmend militarisierten Welt spielen möchte.
Hafenarbeiter stellen eine unbequeme Frage
Diese Diskussion findet nicht nur in politischen Parteien oder Friedensorganisationen statt. Auch Hafenarbeiter beginnen, ihre eigene Rolle zu hinterfragen. Mehrere internationale Hafenarbeitergewerkschaften haben für den 30. Oktober 2026 zu einem gemeinsamen Aktionstag gegen Krieg und die Militarisierung der Häfen aufgerufen.
Die Forderung ist bemerkenswert, kommt sie doch aus der Arbeitswelt selbst:
„Wir wollen nicht, dass unsere Arbeitskraft für Krieg und militärische Transporte eingesetzt wird.“
Das ist eine klassische gewerkschaftliche Frage. Denn Außenpolitik findet nicht nur in Parlamenten und Ministerien statt. Ihre Folgen reichen bis in Fabriken, Häfen, Terminals und Werften. Dort sind es Beschäftigte, die politische Entscheidungen praktisch umsetzen – etwa indem sie militärische Güter verladen, transportieren oder weiterverarbeiten.
Wo steht ver.di?
Eine offizielle Unterstützung des internationalen Hafenarbeiter-Aktionstags am 30. Oktober 2026 durch ver.di ist bislang öffentlich nicht erkennbar. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass ver.di den Aufruf ablehnt. Im Gegenteil: In Hamburg gibt es ver.di-Mitglieder und gewerkschaftlich Aktive, die sich mit diesen Fragen beschäftigen. Der Hamburger Hafenarbeiter Mohammed Al-Attar, bekannt als „Mo Anker“, hatte bereits zum internationalen Hafenarbeiter-Aktionstag im Februar 2026 aufgerufen. Auch andere Hamburger Gewerkschaftsaktivisten setzen sich gegen Waffenlieferungen und eine Militarisierung der Häfen ein. Zudem gibt es eine Verbindung zwischen der Hamburger ver.di-Basis und dieser internationalen Bewegung.
Umso interessanter ist die Frage:
Wie weit reicht Friedenspolitik, wenn sie die wirtschaftlichen Interessen der eigenen Mitglieder berühren kann?
Eine Gewerkschaft, die gleichzeitig Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie verteidigt und eine konsequente Friedenspolitik betreiben will, steht vor einem schwierigen Problem.
Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Herausforderung gewerkschaftlicher Friedenspolitik: Wie lässt sich der Schutz von Arbeitsplätzen mit einer Politik verbinden, die nicht von einer dauerhaften Aufrüstung abhängig ist?
Wir stellen daher die Frage:
Ist ver.di bereit, gemeinsam mit Beschäftigten eine Strategie zu entwickeln, die gute industrielle Arbeitsplätze von der Rüstungsproduktion unabhängig macht?
Das wäre ein wirklich gewerkschaftlicher Ansatz.
Kiel könnte ein Beispiel geben
Kiel hat dafür etwas, das andere Städte nicht haben:
- Eine große maritime Industrie.
- Hochqualifizierte Beschäftigte.
- Eine lange Schiffbautradition.
- Forschungseinrichtungen.
- Hafeninfrastruktur.
- Und Unternehmen, die bereits über Technologien verfügen, die auch für zivile Zukunftsmärkte interessant sind.
Warum sollte Kiel nicht zu einer Modellstadt für industrielle Konversion werden? Warum sollte aus einer Werft für militärische Hochtechnologie nicht eine Werft für zivile maritime Hochtechnologie werden?
Das wäre keine naive Forderung nach einer Welt ohne Konflikte. Es wäre der Versuch, wirtschaftliche Stärke und Frieden miteinander zu verbinden.
- Was passiert, wenn eine Stadt wirtschaftlich davon abhängig wird, dass immer mehr Waffen bestellt werden?
- Was passiert, wenn die Arbeitsplätze einer Region davon abhängen, dass die geopolitische Lage angespannt bleibt?
- Und was passiert, wenn genau diese militärische Produktion die eigene Stadt im schlimmsten Fall zu einem strategisch relevanten Ziel macht?
Vielleicht sollten wir deshalb nicht erst dann über Konversion sprechen, wenn der nächste große Rüstungsauftrag ausbleibt.
Jetzt ist der Zeitpunkt.
Jetzt, wo die Auftragsbücher voll sind.
Jetzt, wo die Beschäftigten gebraucht werden.
Jetzt, wo Investitionen möglich sind.
Jetzt, wo die industrielle Kompetenz vorhanden ist.
Genau jetzt könnte Kiel entscheiden, welchen Weg es langfristig gehen will.
Nicht gegen die Beschäftigten.
Nicht gegen die Industrie.
Sondern für beides.
Für sichere Arbeitsplätze.
Für eine starke maritime Industrie.
Und für eine Stadt, deren wirtschaftliche Zukunft nicht davon abhängt, dass irgendwo auf der Welt Krieg herrscht.
Kiel – Ein Leben auf dem Pulverfass?
Warum warten wir mit der Konversion, bis sie uns durch eine Krise aufgezwungen wird? Warum beginnen wir nicht jetzt damit, die industrielle Kompetenz Kiels für zivile Zukunftsmärkte zu nutzen? Warum entwickeln wir nicht jetzt gemeinsam mit den Beschäftigten einen Plan, der Arbeitsplätze sichert, industrielle Wertschöpfung erhält und gleichzeitig die Abhängigkeit von militärischen Aufträgen reduziert?
Wenn die deutsche Gewerkschaftsbewegung wirklich gleichzeitig Frieden, Beschäftigung und industrielle Stärke will – warum gibt es dann keine gewerkschaftlich getragene Strategie zur Rüstungskonversion?
Eine Stadt, die wirtschaftlich vom Pulver profitiert, sollte sich rechtzeitig fragen, wie nah sie dem Pulverfass eigentlich sein möchte, wenn es tatsächlich brennt.
