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Mutige Rede von Navid Kermani bei der feierlichen Vereidigung von Bundeswehr-Rekruten am 20. Juli 2026 im Bendlerblock

Rund 230 Rekrutinnen und Rekruten der Bundeswehr haben sich am 20. Juli 2026 im Berliner Bendlerblock mit dem Feierlichen Gelöbnis öffentlich dazu bekannt, ihre besondere Verantwortung, die Werte und Normen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu achten und zu verteidigen. Sie gelobten, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“

Bei den Feierlichkeiten wurde an den 20. Juli 1944 erinnert, an den Tag des gescheiterten Attentats von Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Mitverschwörern auf Adolf Hitler in der Wolfsschanze sowie des darauffolgenden, ebenfalls fehlgeschlagenen militärischen Staatsstreichs (Operation Walküre) zur Beseitigung des NS-Regimes.

Ein Ehrengast bei den Feierlichkeiten im Bendlerblock war der Schriftsteller, Publizist und Wissenschaftler Dr. Navid Kermani. In seiner rund 27 minütigen Rede sprach er über die Tugend des Neinsagens. In einer demokratischen Armee wie der Bundeswehr müssten Soldatinnen und Soldaten zwar grundsätzlich gehorsam sein – sie müssten aber auch lernen, Nein zu sagen – und Widerstand leisten, wenn die Diensterfüllung zum Verbrechen werde.

Kermani sagt den jungen Soldaten im Grunde: „Eure Pflicht ist nicht, alles zu tun, was eure politische Führung von euch verlangt. Eure Pflicht ist, Recht und Freiheit zu verteidigen – notfalls auch gegen einen rechtswidrigen Befehl eurer eigenen Regierung.“

In der Live-Übertragung der Rede bei „phoenix vor ort“ konnte man unter anderem sehen, dass Bundesverteidigungsminister Pistorius insbesondere von der Kritik an der Bundesregierung nicht begeistert war.

Im nachfolgenden Auszug (4:13 min) findet Kermani mutige Worte:

Hier der Text zum Nachlesen:

„Der heutige Tag lehrt Sie, dass Sie in bestimmten Situationen Nein sagen können und Nein sagen müssen, selbst wenn es Sie die Gemeinschaft, die materielle Existenz oder sogar das Leben kostet. Die Attentäter des 20. Juli brauchten lange, zu lange, um die Lektion zu lernen.

Das Gelöbnis, das Sie in wenigen Minuten ablegen werden, gilt nicht einem Führer. Es gilt einem demokratischen Staat und einem freien Volk. Dennoch wird es auch für Sie nicht immer einfach sein, den Punkt zu erkennen, an dem Sie Nein sagen müssen.

Schließlich häufen sich die Stimmen auch in Deutschland, dass die regelbasierte Ordnung nur noch etwas fürs Feuilleton sei. Kein Geringerer als der Bundeskanzler hat es sich zur Gewohnheit gemacht, das Völkerrecht klein und Völkerrechtsverstöße schönzureden, wo es ihm politisch opportun erscheint. Liebe Rekrutinnen und Rekruten, Sie stehen am Anfang einer womöglich langen Laufbahn in der Armee.

Es ist unwahrscheinlich, dass die nächsten Jahrzehnte so friedlich bleiben, wie es die letzten Jahrzehnte für Deutschland alles in allem waren. Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, dann wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern. Aber die Drohung, eine gesamte Zivilisation auszulöschen oder der erklärte Angriff auf die zivile Infrastruktur eines Landes sind ein so offenkundiges Unrecht, dass man weder Jurist sein noch das eigene Gewissen befragen muss, um es zu erkennen.

Und die zentrale Lehre, die nicht nur Deutschland, sondern die Menschheit aus den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und der Shoah gezogen hat, ist die Herrschaft des Rechts. Wenn ausgerechnet die Bundesregierung sich damit hervortut, das Völkerrecht für nachrangig zu erklären oder ausgerechnet ein deutscher Bundeskanzler als einziger westlicher Staatsführer die Drohung des amerikanischen Präsidenten verteidigt, eine gesamte Zivilisation auszulöschen, ist das nicht nur für unser Ansehen verheerend, auf das wir als Exportnation angewiesen sind, nicht zuletzt ökonomisch. Nein, die Relativierung des Völkerrechts von höchster Stelle ist auch ein fatales Signal für unsere Demokratie.

Denn wenn die Herrschaft des Rechts in unseren Außenbeziehungen erodiert, wird es nicht lange dauern, bis sie auch im Inneren verächtlich gemacht wird. Mich, der ich nicht nur Deutscher bin, bringt die Geringschätzung unseres Rechtsstaates vielleicht noch mehr auf als die meisten von Ihnen, meine Damen und Herren. Aber nur, wenn Sie dabei die Würde auch Ihres Feindes achten, werden Sie dem Gelöbnis gerecht, das Sie heute ablegen.

Denken Sie bitte stets daran, in jeder Sekunde, egal wie bösartig der Feind sich aus Ihrer Sicht verhält, er ist immer noch ein Mensch wie Sie. Denn wenn Sie den Feind als Tier, als bloßen Strich auf dem Monitor oder als Monster ansehen, um ihn leichter töten zu können, dann werden Sie sich selbst in ein Tier, eine KI oder ein Monster verwandeln. Aber ich habe als Reporter genügend Krieg aus nächster Nähe gesehen, um zu wissen, wie schnell Menschen verrohen.

Es gibt keinen Krieg gestern nicht, heute nicht, morgen nicht, in dem der Kampf nicht unversehens in Mordlust, Sadismus und sexuelle Gewalt umschlagen kann.“

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